Esra parkte den Wagen eine Straße entfernt vom Haus ihrer Schwiegermutter. Die alte Wanduhr zeigte 17:45 Uhr deutlich früher, als sie verabredet waren. Vielleicht wird sie diesmal meine Pünktlichkeit zu schätzen wissen, dachte sie und strich die Falten aus ihrem neuen Kleid, das sie extra auf dem Carmel-Markt gekauft hatte. Das Geschenk eine antike Brosche mit Granatsteinen, nach der sie monatelang bei Sammlern aus Nachalat Binyamin gesucht hatte lag sorgsam in bunte Geschenkfolie eingewickelt auf der Rückbank.
Als sie sich dem alten Haus in Herzliya näherte, fiel ihr auf, dass das Fenster im Erdgeschoss einen Spalt offenstand. Von drinnen war die laute Stimme ihrer Schwiegermutter klar zu hören:
Nein, Malka, kannst du dir das vorstellen? Sie weiß nicht einmal, welchen Kuchen ich mag! Hat einfach irgendein modernes Gebäck bestellt Unser Sohn mochte schon immer klassischen Schokoladenkuchen, und sie es folgte eine Pause, kapiert das nicht einmal. Sieben Jahre Ehe!
Esra spürte, wie ihr Herz langsamer wurde. Ihre Füße waren wie angewurzelt.
Natürlich hab ichs dir schon gesagt sie und Shlomo passen doch nicht zusammen, niemals! Sie verbringt Tag und Nacht im Krankenhaus, kaum zuhause. Was ist das für eine Eschet Chayil? Gestern hab ich bei ihnen vorbeigeschaut stapelweise schmutziges Geschirr, Staub auf dem Sideboard Und sie? Mal wieder bei irgendeiner riskanten OP!
Esra lehnte sich an den Zaun aus Jerusalemer Stein und spürte, wie ihre Knie weich wurden. Sieben Jahre schon bemühte sie sich um jede Gelegenheit, eine perfekte Schwiegertochter zu sein: Kochen, Putzen, sich an jeden Geburtstag erinnern, die Schwiegermutter besuchen, wenn sie krank war. Wozu das alles?
Nein, nein, ist ja nur meine Meinung, aber verdient mein Sohn nicht eine richtige Familie? Fürsorge, Geborgenheit und sie ist nur unterwegs Konferenzen, Nachtschichten. Kinder? Das scheint sie nicht zu beschäftigen! Kaum zu glauben, oder?
Ihr Kopf rauschte. Wie in Trance griff Esra zum Handy und wählte Shlomos Nummer.
Shlomo? Ich verspäte mich ein bisschen, Schatz. Nein, alles okay, einfach Stau in der Sderot Chaim Weizman.
Sie drehte um und lief zurück zu ihrem Auto. Sie setzte sich ans Steuer, blickte minutenlang ins Leere. In ihren Ohren klangen all die Sätze nach: Vielleicht ein bisschen mehr Salz?, In meiner Jugend blieben die Frauen zu Hause, Shlomo arbeitet so hart, er braucht doch Zuwendung
Das Handy vibrierte eine Nachricht von Shlomo: Ima fragt, wo du bleibst. Alle sind schon hier.
Esra atmete tief durch und plötzlich überkam sie ein seltsames Lächeln. Gut, dachte sie, wenn sie die perfekte Schwiegertochter wollen sollen sie sie bekommen.
Sie startete den Motor, fuhr den kurzen Weg zurück zum Haus ihrer Schwiegermutter. Ein Gedanke reifte ganz plötzlich: Kein Herumkriechen mehr, keine weiteren Versuche zu gefallen. Jetzt sollte die Familie sehen, was wirklich in ihr steckte.
Mit dem breitesten, strahlenden Lächeln schritt Esra durch die rot gestrichene Tür. Ima, meine Liebste!, rief sie übertrieben herzlich, und drückte ihre Schwiegermutter ganz fest. Verzeih die Verspätung bin extra in drei Läden gewesen, um DIE Kerzen zu finden, die du so gern hast!
Die Schwiegermutter erstarrte, überrascht von Esras neuer Energie. Ich dachte, hob sie an, doch Esra legte gleich nach:
Und stell dir vor, ich hab unterwegs Malka getroffen! So eine wundervolle Frau sagt immer alles gerade heraus, hm? Esra lächelte offen und sah, wie ihre Schwiegermutter bleich wurde.
Während des ganzen Abendessens spielte Esra ihre neue Rolle meisterhaft. Sie legte der Schwiegermutter das beste Stück Lachs auf den Teller, lobte ausgiebig jede Anekdote und fragte unermüdlich nach Tipps fürs Saubermachen.
Ima, meinst du, muss man Kubbeh-Suppe fünf oder sechs Stunden kochen? Und die Teppiche besser morgens oder abends ausklopfen? Sollte ich meinen Job als Chirurgin aufgeben? Schließlich braucht Shlomo doch eine richtige Familie, nicht wahr?
Shlomo starrte Esra baff an, die Verwandten sahen sich irritiert an. Doch Esra setzte noch einen drauf:
Weißt du was, vielleicht sollte ich bei Orits Hauswirtschaftskurs im Gemeindezentrum mitmachen? Beruf aufgeben, einfach die perfekte Balabusta werden Frauen wie du waren doch immer die Säulen des Hauses, stimmts Ima?
Die Schwiegermutter tippte nervös mit der Gabel auf den Teller. Ihr Selbstvertrauen schwand sichtlich.
Und wie das alles weiterging? Nun, manche Geschichten kann man erst am Ende wirklich beurteilen.







